Vom Schauen des Schauenden und von dem, was er sehen könnte - Cover

Vom Schauen des Schauenden und von dem, was er sehen könnte

Vier Essays und eine Erzählung über Oliver Czarnetta von Joachim Geil.

„Der Blick in die eigenen Ohren ist eine Sensation, deren Sinn sich nur in wenigen Situationen sofort erschließt. Die Sinnfrage hängt immer von der gesellschaftlichen Situation ab. Und wenn es sich nun herausstellen sollte, dass es zu den wichtigen Schritten auf dem Weg zur Erkenntnis gehört oder einfach ein selbstverständliches gesellschaftliches Grundbedürfnis ist, den Blick in die eigenen Ohren zu wagen oder von ihm zu berichten, dann ist dieser Apparat schlagartig von zentralem gesellschaftlichen Wert. Derzeit ist diese Funktion bei Oliver Czarnetta technisch und handwerklich einwandfrei umgesetzt. Ich kann als Zeuge behaupten, dass ich mir tatsächlich mit Hilfe dieses Kastens in meine eigenen Ohren geschaut habe. Nur ist ein gesellschaftlicher Konsens über seine Relevanz noch nicht erreicht. Aber dieser Apparat bewältigt technisch weit eher die in Aussicht gestellte Funktion als ein unerreichbares ‚Perpetuum mobile‘. Aus dieser Diskrepanz zwischen erreichter Funktionalität einerseits und (noch) nicht erkanntem Nutzen andererseits ergibt sich ein semantisches Feld, auf dem die Kunst in einem seit der Moderne immer wieder aufgeworfenen Fragenkatalog ihr Selbstverständnis untersucht. Ein Objekt, das keinen gesellschaftlichen Wert hat, wird gemeinhin als Müll bezeichnet. Aber die Frage, die ein solches Objekt über die Wahrnehmung des einzelnen Mitglieds einer Gesellschaft aufwirft, hat eine durchaus große Relevanz. Und ist der Blick in die eigenen Ohren tatsächlich nutzlos? Geht man von den Novitäten und Kuriositäten, also dem Neuen und Ungewöhnlichen als Attraktion der Aufmerksamkeit aus, so trifft beides auf den Blick ins eigene Ohr zu. Auch mit dem linken Auge zu sehen, wie man sein rechtes Auge schließt, ist eine neue und unerwartete Wahrnehmung des eigenen Körpers. Selbst in die eigene Nase kann man mit Hilfe eines der Kästen aus der Reihe ‚Single-Interieur‘ schauen. Auch wenn der Beton und die Sichtfenster wie ein Haus anmuten, so handelt es sich doch eher um ein Gehäuse mit einem eingebauten Spiegelsystem, in das man von außen hineinschaut, ein Körpertheater.“

(Joachim Geil)