Spiegel, Spur und Bild

Zur Genese des Bildes

bernhard waldenfels´überlegungen kreisen um eine genese des bildes, die geeignet ist, die geschlossenheit einer im schönen oder nicht mehr schönen schein befangenen ästhetischen welt aufzusprengen, so dass sowohl prä- als auch postästhetische motive der kunst freigesetzt werden. Die meisten Bildkonzeptionen kranken daran, daß sie zu hoch ansetzen, nämlich auf der Ebene von Bildwerken und Bildmedien. Damit geraten die Klüfte und Abgründe der Bilderfahrung aus dem Blick. Dieser Vorwurf trifft auf philosophische Bildtheorien ebenso zu wie auf eine Kunsttheorie, Kunstgeschichte und Museumspraxis, die verlernt hat, darüber zu staunen, daß es so etwas wie Bilder gibt. Doch der wiederholte Wechsel von Bildbegeisterung und Bildersturm läßt auf eine Bildfaszination schließen, die weit über einen kulturellen Bildervorrat hinausgeht.
Die folgenden Überlegungen kreisen um eine Genese des Bildes, die geeignet ist, die Geschlossenheit einer im schönen oder nicht mehr schönen Schein befangenen ästhetischen Welt aufzusprengen, so daß sowohl prä- wie postästhetische Motive der Kunst freigesetzt werden. Die Kunst verlangt nach einer Genealogie, die Nietzsches Genealogie der Moral oder Husserls Genealogie der Logik ebenbürtig ist. Die Kontingenz von Ordnungen, die „es gibt“, ohne daß sie auf einem festen Boden ruhen, weist sowohl hinter die bestehenden Ordnungen zurück wie über sie hinaus, und beides in unlöslicher Verquickung. Dem être brut entspricht eine art brut, die nicht bei sich selbst beginnt und nicht bei sich selbst endet.1 Dies lehrt nicht nur die philosophische Besinnung auf die Ordnung des Sichtbaren und Bildhaften, sondern auch die moderne Bildpraxis, innerhalb derer archaische und revolutionäre Momente sich immer wieder berühren und verstärken. Die Hoffnung auf eine zunehmende Desillusionierung, in deren Verlauf die Bilder immer mehr als Bilder durchschaut und außerästhetischer Wirkungen entledigt werden, erweist sich selbst als trügerisch. Die Frage: „Was ist ein Bild?“ stellt sich mit wachsender Dringlichkeit, je mehr neue Bildformen unsere Erfahrung in Beschlag nehmen.2 Gemessen an der Vielfalt zu berücksichtigender Aspekte sind unsere phänomenologisch inspirierten Analysen betont karg angelegt. Es geht darum, einige neuralgische Punkte zu markieren, die für eine Rückfrage nach der Genese von Bildern unerläßlich sind. Wenn es ‘das Bild’ gibt, so nur im Schnittpunkt verschiedener Bilddimensionen.3

1. Bild und Bildauffassung
Beginnen wir mit einigen minimalen Bedingungen, denen ein Bild gehorchen muß, um als Bild gelten zu können. In phänomenologischer und hermeneutischer Manier können wir Erfahrung dahingehend bestimmen, daß etwas als etwas auftritt. Diese Urdifferenz zwischen dem, was etwas ist, und der Art und Weise, wie es gegeben, gemeint oder aufgefaßt ist, bezeichne ich als signifikative Differenz.4 Sobald wir es mit einer visuellen Erfahrung zu tun haben, besagt dies, daß etwas als etwas sichtbar wird.5 Von Bilderfahrung sprechen wir, wenn etwas als etwas im Bild sichtbar wird. Das Bild ist also zunächst nicht etwas, das wir zusätzlich auch noch sehen; als Medium des Sehens gleicht es der Sonne, in deren Licht wir etwas sehen. Sonnenfinsternisse erinnern an etwas, das Platon zu so weitläufigen Gedanken angeregt hat: Wir sehen nicht einfach die Sonne, sondern sehen etwas in der Sonne, bedroht von Blendung und Erblindung, sobald wir geradewegs ins Licht schauen.
Das Bild unterliegt nun seinerseits einer ikonischen Differenz, einer Differenz zwischen dem, was bildhaft sichtbar wird, und dem Medium, worin es sichtbar wird. Ähnlich wie beim Zeichen können wir zwischen (Ab)bildendem und (Ab)gebildetem unterscheiden. Das Bild selbst verdoppelt sich. Im Falle malerischer Bildnisse materialisiert sich die Differenz zu einer pikturalen Differenz; am Bildnis sind materiale und formale bzw. funktionale Momente zu unterscheiden.6 Dreh- und Angelpunkt dieser Bildkonzeption ist das winzige Als, das weder dem intentionalen Akt des Bildherstellers oder Bildbetrachters, noch dem Bildgehalt zugerechnet werden kann. Das Als markiert den Auftritt des Bildes als Bild; ohne dieses Als gäbe es weder Bildgehalte noch Bildintentionen. Dem phänomenologischen und hermeneutischen Als, das uns bei Husserl und Heidegger begegnet, entspricht also ein ikonisches bzw. pikturales Als.

Mai 2003
Sprachen: ger

ISBN 978-3-89770-033-8

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