MONOGRAPHS
   
Oliver Czarnetta
Sieben Jahre

Die Bemerkung, Czarnetta sei ein junger Künstler, scheint das Vorhaben einzuschränken, über sein Werk zu schreiben. Aus ihr folgt die Schilderung seiner Jugend, seiner Entscheidung, nicht den Weg des Kunsthistorikers zu gehen, sondern sich der freien Kunst zu widmen, aber sie fordert auch eine Antwort auf die Frage: ist dieses Werk jung? Die Antwort auf diese Frage ist umso drängender, als der Kunsthistoriker Czarnetta sich mit alter Kunst beschäftigt hat, mit den Werken längst gestorbener, nahezu vergessener Steinbildhauer; und sie provoziert eine zweite Frage: ist ein junger Kunsthistoriker gut disponiert, um ein Künstler zu sein? Das Werk von etwa 300 Skulpturen, das in den sieben Jahren von 2001 bis 2008 entstanden ist, besteht vorwiegend aus Menschenköpfen, von außen gesehen. Am Ende hat diese Perspektive Czarnetta nicht gereicht, und seit 2006 versucht er, in die Köpfe hineinzuschauen, als wären sie Häuser, die bewohnt sind. Eine kleine Werkgruppe führt ihn seit kurzer Zeit von Häusern zu Siedlungen und von Siedlungen zu Brücken. Er erweitert den Blick oder, sagen wir, die Kommunikation.
(Wolfgang Becker)

Texte: Beate Reifenscheid, Wolfgang Becker
Sprachen: Englisch, Deutsch
72 S. mit 56 farbigen Abbildungen, Broschur
Format: 19,5 x 24 cm

ISBN 978-3-89770-346-9 |  € 20,-

 
 
ARTISTS BOOKS
   
Oliver Czarnetta
Vom Schauen des Schauenden und von dem, was er sehen könnte
Vier Essays und eine Erzählung über Oliver Czarnetta von Joachim Geil

Der Blick in die eigenen Ohren ist eine Sensation, deren Sinn sich nur in wenigen Situationen sofort erschließt. Die Sinnfrage hängt immer von der gesellschaftlichen Situation ab. Und wenn es sich nun herausstellen sollte, dass es zu den wichtigen Schritten auf dem Weg zur Erkenntnis gehört oder einfach ein selbstverständliches gesellschaftliches Grundbedürfnis ist, den Blick in die eigenen Ohren zu wagen oder von ihm zu berichten, dann ist dieser Apparat schlagartig von zentralem gesellschaftlichen Wert. Derzeit ist diese Funktion bei Oliver Czarnetta technisch und handwerklich einwandfrei umgesetzt. Ich kann als Zeuge behaupten, dass ich mir tatsächlich mit Hilfe dieses Kastens in meine eigenen Ohren geschaut habe. Nur ist ein gesellschaftlicher Konsens über seine Relevanz noch nicht erreicht. Aber dieser Apparat bewältigt technisch weit eher die in Aussicht gestellte Funktion als ein unerreichbares Perpetuum mobile. Aus dieser Diskrepanz zwischen erreichter Funktionalität einerseits und (noch) nicht erkanntem Nutzen andererseits ergibt sich ein semantisches Feld, auf dem die Kunst in einem seit der Moderne immer wieder aufgeworfenen Fragenkatalog ihr Selbstverständnis untersucht. Ein Objekt, das keinen gesellschaftlichen Wert hat, wird gemeinhin als Müll bezeichnet. Aber die Frage, die ein solches Objekt über die Wahrnehmung des einzelnen Mitglieds einer Gesellschaft aufwirft, hat eine durchaus große Relevanz. Und ist der Blick in die eigenen Ohren tatsächlich nutzlos? Geht man von den Novitäten und Kuriositäten, also dem Neuen und Ungewöhnlichen als Attraktion der Aufmerksamkeit aus, so trifft beides auf den Blick ins eigene Ohr zu. Auch mit dem linken Auge zu sehen, wie man sein rechtes Auge schließt, ist eine neue und unerwartete Wahrnehmung des eigenen Körpers. Selbst in die eigene Nase kann man mit Hilfe eines der Kästen aus der Reihe „Single-Interieur“ schauen. Auch wenn der Beton und die Sichtfenster wie ein Haus anmuten, so handelt es sich doch eher um ein Gehäuse mit einem eingebauten Spiegelsystem, in das man von außen hineinschaut, ein Körpertheater. (Joachim Geil)

Text: Joachim Geil
32 S. mit 14 farbigen Abbildungen, Broschur
Format: 13,5 x 19 cm

ISBN 978-3-89770-345-2 |  € 12,-